Da das in H9/2001 der Zeitschrift GEO SAISON unter dem obigen Titel erschienene Interview einige entstellende Passagen enthält, hier die am 22.5.2001 vom Interviewten autorisierte Fassung:
Dr. Rainer Brämer, Natur-Soziologe an der Universität Marburg, stellt sich und seinen Studenten immer wieder die Fragen: Warum macht Wandern Spaß? Welche Landschaften, welche Wege lieben wir besonders? Wie gestaltet man zeitgemäße Wandererlebnisse?. Dazu schnürt er oft selbst die Wanderstiefel. Seine Wanderseminare hält er zünftig im Freien ab. einmal im Jahr schwärmt er mit den Studenten in die deutschen Mittelgebirge aus, wo man Wanderern Fragebögen in die Hand drückt. Darin fragt er nach ihren Motiven, Wünschen und Gewohnheiten. Bei jeder von bisher vier Studien füllten über 1000 Fußsportler die Bögen aus. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit bildet Brämer Wanderführer aus, hält Volkshochschulkurse, entwirft neue Wanderkarten und arbeitet als Fachberater für Kommunen, Touristikverbände und Wandervereine.
Wandern ist wieder »in«, hört man überall. Stimmt das?
Es war
eigentlich noch nie "out": Neu ist jedoch, dass die Wanderer von heute immer
jünger werden. Innerhalb von zwei Jahren stieg der Anteil der 20-39jährigen um
50 Prozent. Selbst jeder zweite Jugendliche gibt an, gern zu wandern. Vor zehn
Jahren waren es nur 30 Prozent. Die Wanderer der Jahrtausendwende verfügen über
überdurchschnittlich hohe Bildung und Einkommen. Über 40 Prozent haben zum
Beispiel Abitur, doppelt so viel wie im Bevölkerungsschnitt.
Demnach lautet die Devise: Wandersmann, klapp den Laptop zu und ziehe
hinaus in Feld und Wald?
Offenbar entdeckt eine Generation von Menschen
mit Schreibtischberufen das Wandern neu. Als Ausgleich gegen Streß und
Bewegungsarmut, als »Entschleunigung« eines immer hektischeren Alltags, und vor
allem als Naturerlebnis. Ganz typisch: Vor ein paar Tagen traf ich zwei Gruppen
junger Softwarespezialisten im Arnsberger Wald. Die Firma hatte sie auf eine
"Kompass-Rallye" geschickt, aber mit dem Kompass wusste niemand etwas
anzufangen. Trotzdem waren alle begeistert und fragten mich, wo sie sich denn
jetzt befänden und welche von den umstehenden Bäumen Lärchen seien.
Ist das ein Comeback des Wanderns?
Ja und nein: Die
Wanderneigung hat statistisch gesehen leicht abgenommen, aber man wandert heute
bewusster, anspruchsvoller. Vor 30 Jahren war Wandern nicht selten eine
Verlegenheitsaktivität am Wochenende. Damals bezeichneten sich 60 Prozent der
Bevölkerung als Wanderer. Viele Alternativen hatte man damals ja nicht. Wenn
heute immer noch fast die Hälfte der Bevölkerung sagt, sie wandere mit
Vergnügen, dann steht dahinter eine aktive Entscheidung, eine Auswahl unter
vielen Angeboten.
Was treibt die Leute hinaus in den Wald und in die Berge?
In
erster Linie wollen sie Natur genießen. Das kann man nirgends besser als beim
Gehen. Wandern erfüllt eine tiefe Sehnsucht: Man will Wildnis erleben, Stille
genießen, sich in schönen Landschaften und frischer Luft bewegen. Das ist das
exakte Gegenteil des alltäglichen Lebens in unseren Kunstwelten. Wir leben
ja fast nur noch hinter Glas - im Beruf, im Auto, zu Hause. Und da ziehen wir
uns dann auch noch die Welt über die Glasschirme des Fernsehers und Computers
rein. Beim Wandern erlebt man die Welt wieder im Original und mit allen Sinnen.
Das brauchen wir einfach.
Mit welchen Ansprüche betritt der neue Wanderer den Waldpfad?
Wanderer sind heute Individualisten. Man macht sich am liebsten auf eigene
Faust auf, zu zweit oder in kleinen Freundesgruppen. Statt "im Frühtau zu Berge"
geht es meist erst vormittags los. Durchschnittlich ist man 4 Stunden oder 13 km
unterwegs, weit weniger als früher. Man hat zwar einen Plan, aber der kann sich
je nach Lust und Laune ändern. Um so wichtiger ist es, unterwegs oder am Ende
einkehren zu können, um sich für die Anstrengung zu belohnen. Mit anderen
Worten: Statt um Streckemachen geht es heute primär um das individuelle
Wohlgefühl. Wandern ist eine ausgesprochenen Wellness-Aktivität.
Finden die Wanderer dies alles auf Deutschlands Wanderwegen?
Von
den Landschaften her selbstverständlich. Unsere Mittelgebirge gehören nach
Ausweis der Landschaftspsychologie zu den schönsten Wanderlandschaften weltweit:
Grün, offen, abwechslungsreich, mit vielen Gewässern und Aussichten sowie
hervorragend erschlossen. Allerdings hapert es oft an den Wanderleitsystemen.
Aber die Wege sind doch durchgehend markiert, und in den Buchhandlungen
stehen ganze Regalwände voller Karten und Wanderbücher?
Sicher. Dennoch
wünschen sich Wanderer in unseren Studien am am meisten zuverlässige
Orientierungshilfen. Sie wollen nicht mehr Detektiv im Wald spielen und
versteckte Wanderzeichen suchen. Sie wollen vielmehr in den Wald gelockt und wie
von selbst zu den Schönheiten und Sehenswürdigkeiten geleitet werden. Dieser
Wunsch ist noch nicht bei allen, die die Wege pflegen, angekommen. Man muss sich
vor Augen halten: Der moderne Mensch hat kaum noch Erfahrung im Umgang mit der
Natur und wird daher sehr schnell unsicher. Dem müssen neue Wanderleitsysteme
Rechnung tragen.
Ist es denn so schwierig, sich auf einem Wanderweg zurecht zu finden? Die
meisten Wanderer haben doch Karten dabei?
Kartenlesen ist ein besonders
Thema. Die meisten Wanderer gaben bei der ersten Umfrage an, sie könnten
problemlos mit Karten umgehen. Das haben wir nicht so recht glauben wollen.
Darum stellten wir beim nächsten Mal eine Art Fangfrage: Welchen Maßstab sie
denn bevorzugen würden. Die meisten waren von dieser einfachen Frage schlicht
überfordert; sie wußten nicht, was ein Maßstab ist. Andere Untersuchungen
zeigen: Nur etwa jeder zehnte Wanderer kann sich im Ernstfall vor Ort wirklich
anhand der Karte orientieren. Aber das liegt auch an den ungenügenden
Wanderkarten. Viele sind ungenau. Wir haben im Schnitt drei Kartierungsfehler
auf zehn Kilometer Wanderweg gefunden. Oder nehmen Sie die Höhenlinien: sie sind
das unanschaulichste Mittel, um Berge oder Höhenunterschiede darzustellen.
Wanderkarten werden von Ingenieuren für Militärs oder Planer gemacht, aber nicht
für Laien. Nutzerfreundliche Wanderkarten müssen praktisch neu erfunden werden.
Wir müssen zum Beispiel das Bergrelief wieder anschaulich herausarbeiten,
ähnlich wie früher. Und man muss auch berücksichtigen, dass Frauen sich anders
orientieren als Männer.
Wer sieht da schlechter - Frau oder Mann?
Frauen merken sich
eher die markanten Punkte an einem Weg oder in einer Landschaft: Einen einzelnen
Baum, einen Felsen, eine Sitzbank. Also sollten solche Merkpunkte in Karten
eingezeichnet sein. Männer hingegen haben den Vogelblick im Kopf: von oben auf
Landschaft und Karte.
Lernt man dies auch in der Natursoziologie, Ihrem Fachgebiet?
Hier hilft
eher die Naturpsychologie weiter
Womit beschäftigen sich Naturpsychologen?
Zum Beispiel mit der
einfachen Frage: Was ist eigentlich schön in der Natur? An diesem Problem hat
sich die relativ junge Wissenschaft in den USA entwickelt. Dort wollten
die Nationalparks mehr Besucher anlocken. Sie beauftragen Psychologen
herauszufinden, was Menschen in bestimmten Landschaften empfinden und
wahrnehmen. Die Resultate sind sehr interessant: Egal, ob in Amerika, Asien oder
Europa: Das ästhetische Empfinden ist überall ähnlich, als schön gelten
beispielsweise offene, parkartige Landschaften, Szenerien mit natürlichen
Gewässern, von Wald begrenzte Wiesentäler oder auch Waldränder mit Aussicht.
Demnach ist unser Verständnis von landschaftlicher Schönheit eine
anthropologische Konstante?
Es sieht so aus, als wenn die Vorstellungen
auf ein emotionales, tiefsitzendes Erbe zurückgehen. Was wir heute als schön
oder angenehm empfinden, waren für unsere nomadisierenden Vorfahren einfach
sichere Plätze. Waldränder, Berggipfel, abwechslungsreich-offene
Parkszenen boten Übersicht und Schutz, Wasser und grüner Bewuchs signalisierten
Überlebensmöglichkeiten
Spielen wir beim Wandern etwa das urzeitliche Nomadentum nach?
Das
steckt tief in uns drin. Machen Sie die Probe aufs Exempel: Einen schrägen Weg
bewältigen wir mit sehr viel mehr Kraftaufwand als einen ebenen, weil uns am
Hang stets Gefahr von oben droht. Und nachts bewegen wir uns in der Regel
deutlich schneller als am Tag. Auch auf einem dunklen Waldweg.
Schwer zu glauben. Im Dunkeln tappt man doch hilflos umher?
Vielleicht in
der Stadt, aber nicht im Wald. Hier setzen wir alle Sinne ein,
Gehör, Raumgefühl, mehrere Arten von Bewegungssensoren. Wir haben die
Sinne ja noch, wir benutzen sie nur selten. Außerdem wird nachts die Gruppe
unheimlich wichtig, jeder richtet sich nach dem anderen, alle bleiben dicht
beieinander. Andere Beispiele für unsere Wanderinstinkte sind der Herdentrieb -
man trottet ohne nachzudenken hinter den Führenden her, weil es dort, wo die
durchgekommen sind, sicher ist (Minenhundprinzip). Oder die Gewohnheit, Fremde
im Wald zu grüßen, die man in der Stadt keines Wortes würdigen würde - ein
beiderseitiges Signal für "gut Freund". Bekannt ist auch der Stalleffekt: Am
Ende der Tour gehen auf einmal alle schneller. Der sichere Herd zieht magisch
an.
Was lernen Studenten bei Ihnen aus der Natur-Psychologie für ihre künftige
Tätigkeit als Wanderführer?
In erster Linie: Einen schönen,
erlebnisreichen Weg auszuwählen. Das ist das A und O einer guten Wanderung.
Niemand will heute mehr zwei Stunden am Stück durch dichten Tannenwald latschen.
Die Wanderer suchen Abwechslung, Aussichten, ein Stück Abenteuer in der Natur.
Da kann man ruhig mal eine Furt durchqueren oder einen Steinbruch erklimmen.
Selbstverständlich muss man auf die Sicherheit achten und sich ökologisch
vernünftig verhalten. Unsere neueste Studie belegt indes, das gerade diejenigen,
die gerne auch mal querfeldeingehen, sich am meisten um Naturschutz und Umwelt
kümmern.
Wenn Deutschland so ein ideales Wanderland ist, warum zieht es dann immer
mehr Wanderer ins Ausland?
Da kommt vieles zusammen. In Österreich zum
Beispiel, da ist der Wanderer wer. Dort wird er als gern gesehener Gast
umworben. In Deutschland hat er immer noch den Ruf des Billigurlaubers, der
seine Stullen mitbringt und in der Jugendherberge absteigt. Dabei zeigen neue
Zahlen, dass Wanderer bessere Hotels bevorzugen und abends mehr fürs Essen
ausgeben als der Durchschnittsurlauber. Wanderer gehören eindeutig zu der für
Touristiker attraktivsten Zielgruppe, nur haben es die deutschen Touristiker
noch nicht gemerkt.
Was also tun?
Das Wandern sollte wieder den Stellenwert erhalten,
den es verdient. Die Wiederentdeckung des Wanderns bietet dem Tourismus in
Deutschland eine ungeheure Chance. Die ausländische Konkurrenz hat es bereits
begriffen.