Klaus-Peter Friedrich

      "… diese Würdigung, die mich freilich überrascht hat (wie jede Art von Alterserscheinung) …"
      Max Frischs Marburger Ehrenpromotion im Juni 1962

      In Max Frisch-Biografien ist häufig ein knapper Hinweis zu finden, dem Zürcher Romanschriftsteller und Dramatiker sei 1962 die Ehrendoktorwürde der Philipps-Universität verliehen worden. Doch lässt sich darüber mit einem Zugriff nichts Näheres in Erfahrung bringen. Und auch in Marburg scheint das Ereignis weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Absicht dieses Beitrags ist es daher, die Begleitumstände und den Verlauf der Ehrung nachzuzeichnen und einige Gedanken auszuführen, welche Beweggründe darüber entschieden haben könnten, sie Frisch zu dieser Zeit anzutragen. Immerhin war sie, unter den akademischen Ehrungen dieser Art, die dem Schriftsteller zuteil wurden, die allererste.

      Die "Bedeutung von Max Frisch" aus Sicht der Marburger Germanistik

      Ehe Frisch nach Marburg kam, war er für sein literarisches Schaffen in Deutschland und der Schweiz bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem hatte er 1958 den Georg-Büchner-Preis der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt erhalten. Kurz vor der Marburger Ehrung wurde ihm unter den Großen Kunstpreisen der Literaturpreis des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen.
      Die Idee, Frisch an der Philipps-Universität "den Grad eines Doktors der Philosophie ehrenhalber zu verleihen", ging auf Professor Dr. Josef Kunz zurück, der Neuere deutsche Literatur lehrte und zwischen April 1962 und März 1963 Geschäftsführender Direktor des Germanistischen Instituts war. Er stellte in der Sitzung des Fakultätsrats vom 28. Februar 1962 den entsprechenden Antrag. Die daraufhin eingesetzte Kommission beratschlagte am 14. Mai 1962 und gab eine vier Punkte umfassende Stellungnahme zur "Bedeutung von Max Frisch" ab, die der Philosophischen Fakultät zur Beratung vorgelegt wurde.
      Frischs "Bedeutung" wurde demnach "im wesentlichen in folgendem gesehen", wobei in einem ersten Punkt die "imponierende Einheit seines epischen und dramatischen Schaffens" hervorgehoben wurde: "Worauf sich diese Einheit zentriert, hat Max Frisch selbst einmal in einer aufschlussreichen Notiz des Tagebuchs deutlich gemacht. Es sei gefährlich, so meint er da im Anschluss an das erste Gebot des Dekalogs, an die Stelle der lebendigen Wirklichkeit ein Bild zu setzen. Wobei er mit dem Bild die Versuchung begreift, Lebendiges nach eigenen Wünschen umzustilisieren und um des Trugbildes der Perfektion willen aus dieser Wirklichkeit auszuscheiden, was darin endlich und gebrechlich ist." Zum Beleg dieser These wurde allgemein auf die Romane Stiller und Homo faber verwiesen. Darüber hinaus erwähnte die Stellungnahme auch schon Frischs neuestes Werk, sein Stück über den Antisemitismus: "Und wie zerstörerisch es ist, wenn der Mensch dieser Versuchung des Bildes verfällt, hat vor wenigen Wochen die [bundesdeutsche] Erstaufführung seines letzten Stückes: ,Andorra' gezeigt." Unter Punkt zwei wurde sodann der Thematik Frischs zugute gehalten, sie sei "mit der großen Tradition unserer Dichtung" in hohem Maße verbunden: "Zumindest seit der Romantik gibt es kaum eine Dichtung von Rang in unserer Sprache, die nicht in irgendeiner Weise auf diese Thematik bezogen wäre. Kleist, Jean Paul, der von Max Frisch immer wieder zitierte Kierkegaard, alle weisen auf ähnlich Situationen hin, wie sie in den Romanen Max Frischs gestaltet sind; Situationen, in denen die spezifisch neuzeitliche Versuchung gegeben ist, selbstgeschaffene Wunschbilder von der ,fragilitas humanae conditionis' abzulösen und diese damit der Unerlöstheit zu überantworten. Auf dem Hintergrund dieser Tradition gewinnt Max Frischs Schaffen seine Gültigkeit und seine Bedeutung."



      Zudem sei, so Punkt drei, diese Thematik ungemein aktuell: "Mit Bert Brecht, Dürrenmatt und wenigen anderen ist Frisch der, der sich am unbeirrbarsten der gegenwärtigen Situation gestellt hat. So hat er mit tiefer Verantwortung an dem teilgenommen, was bei uns geschehen ist, nicht in einem billigen Schweizer Partikularismus und Pharisäismus, vielmehr so, daß er unsere Schuld als seine eigene Schuld erfahren hat ; jedenfalls als eine, die in der modernen industriellen Gesellschaft überall latent vorhanden ist. Mit Recht hat er die Versuchung des Totalitären in Verbindung gebracht mit dem, was er zur Versuchung des Bildschaffens sagt. Wie er das versteht, das wurde vor allem in ,Andorra' deutlich gestaltet. Die totalitäre Gesellschaft - das ist der Sinn des Stückes - brauche das Bild als Idol und Rechtfertigung, sei es im Positiven oder Negativen; als ,Heilsbild' oder als dämonische Folie."
      Punkt vier würdigte abschließend den "künstlerischen Rang des [Gesamt-]Werkes" - wobei man indes "über das dramatische Werk streiten" könne. Frisch habe jedenfalls "zwei Romane geschaffen, die so überzeugend sind, daß sie in der Geschichte unserer Dichtung einen bleibenden Platz finden werden […]". Die Kommission schlug "unter dem Eindruck einer solchen geistig-schöpferischen Leistung" vor, "Herrn Max Frisch den Grad eines Doktors der Philosophie ehrenhalber zu verleihen".

      Max Frischs Marburger Vortrag als Publikumsereignis
      Nachdem der Suhrkamp-Verlag bereits zuvor mit Frisch in der Frage der Ehrenpromotion korrespondiert hatte, teilte ihm der Dekan der Philosophischen Fakultät, Professor Dr. Friedrich Seidel, mit Brief vom 6. Juni 1962 offiziell mit, seine Fakultät habe beschlossen, ihm "die Würde eines Ehrendoktors zu verleihen". Der Festakt sollte im Rahmen des Universitätsfestes am 23. Juni stattfinden. Frisch wurde gebeten, am Vorabend "im Rahmen einer Feier des Marburger Universitätsbundes einen Vortrag zu halten".
      Frisch, der damals in Rom lebte und wenige Wochen zuvor seinen 51. Geburtstag gefeiert hatte, antwortete brieflich am 10. Juni und dankte "für diese Würdigung, die mich freilich überrascht hat (wie jede Art von Alterserscheinung) […]". Er teilte mit, dass er am 22. Juni, von Frankfurt kommend, in Marburg eintreffen werde. Statt einen Vortrag im eigentlichen Sinn zu halten, wolle er "Notizen aus der Werkstatt" vortragen. Zwischenzeitlich hatte Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag der Universitätsleitung in Frischs Namen bereits telefonisch zugesagt, dieser werde am 22. Juni in Marburg zu seinem Vortrag eintreffen und tags darauf die Promotionsurkunde entgegennehmen. Als Themen seiner "Notizen aus der Werkstatt" stelle Frisch zur Wahl: 1. Bemerkungen zum Roman, 2. Über das Schreiben von Prosa.
      Universitätsrektor Professor Dr. Horst Böhme bedankte sich daraufhin am 8. Juni (an Stelle des verreisten Dekans) per Brief "herzlichst" für die Zusage. Er gab Frisch seiner "großen Freude darüber Ausdruck […] daß Sie zur Entgegennahme der Ihnen von der Philosophischen Fakultät verliehenen Würde eines Ehrendoktors nach Marburg kommen würden, und dass Sie bereit wären, am 22. Juni für uns und unsere Studierenden einen Vortrag zu halten". Böhme fügte hinzu, von den angebotenen Themen, "würde uns das erste ,Bemerkungen zum Roman' besonders zusagen". Die Veranstaltung werde am Freitag, dem 22. Juni, 20.15 Uhr beginnen. Eine Abschrift des Briefes an Frisch schickte Böhme an Unseld. Dieser teilte mit, er werde selbst "an diesen Feierlichkeiten teilnehmen" können und sich "mit Herrn Frisch zusammen rechtzeitig in Marburg einfinden". Frisch und Unseld stiegen im Kurhaus Seebode am Frauenberg ab, wo die Universität für sie Zimmer reserviert hatte.
      Die Universitätsleitung rechnete mit einem großen Publikumsandrang. "Um möglichst vielen Studierenden die Teilnahme zu ermöglichen", sollte die Veranstaltung mit dem bekannten Schriftsteller - so Böhme an Frisch - "im Großen Saal unseres vor wenigen Wochen eingeweihten Studentenhauses stattfinden". Tatsächlich zog Frischs Auftritt im Rahmen seines Vortrags ein Massenpublikum an - er war die erste ganz große Veranstaltung in dem Mitte Mai eingeweihten Neubau : Ein Berichterstatter teilt mit, der Saal sei "völlig überfüllt" gewesen , ein anderer berichtet, die Zuhörer hätten "sich in solcher Menge" gedrängt, dass "der größte in Marburg zur Verfügung stehende Saal in der neuen Mensa mit 1200 Sitzplätzen nicht ausreichte, sie alle aufzunehmen […]".
      Die "Notizen aus der Werkstatt", die Frisch "bescheiden und doch zugleich mit einem gewissen Anspruch" mit dem Titel "Bemerkungen zum Roman" versehen hatte, bezogen sich auf zwei seiner aktuellen Texte: auf seinen im Entstehen begriffenen neuen Roman und auf einen Zeitungsbeitrag, den er im November 1960 in Zürich veröffentlicht hatte. Frisch las zunächst "einzelne Abschnitte" aus dem Manuskript einer frühen Fassung von Mein Name sei Gantenbein und kommentierte sie. Sodann trug er Gedanken aus seinem Essay "Unsere Gier nach Geschichten" vor. Frisch war darin zu der Erkenntnis gelangt, dass "die Erfahrung dichtet". Für den Geschichtenerzähler stehe nämlich eine Erfahrung und nicht eine Geschichte am Anfang. Ihm gehe es darum, "eine Erfahrung zu verdeutlichen und für diese Erfahrung eine Geschichte zurechtzumachen, um sie zu exemplifizieren". Da Frischs Geschichten "Entwürfe zu einem Ich" sind, sei "jede Geschichte eine Stilisierung", seien "schon die Erinnerungen eine erste naive Form der Stilisierung". Soweit Frischs Kerngedanken aus seinem Marburger Vortrag.

      Der Verleihungsakt
      Die Überreichung der Ehrenpromotions-Urkunde an Frisch durch den Dekan der Philosophischen Fakultät erfolgte tags darauf, am Samstag dem 23. Juni 1962, im Rahmen der Universitäts-Gründungsfeier. Der "Universitätstag", also die (435.) Wiederkehr des Gründungstages der Philipps-Universität, wurde in jenem Jahr mit einem feierlichen Festakt in der Aula in Anwesenheit zahlreicher politischer Ehrengäste begangen. Er gestaltete sich - wie die Oberhessische Presse mitteilte - durch die Verleihung von drei Ehrendoktortiteln, die im Mittelpunkt der Feierstunde standen, "zu einem außergewöhnlich glanzvollen Ereignis". "Ihren besonderen Glanz" erhielt die Veranstaltung freilich durch die Ehrung Frischs , der - wie berichtet wird - ungezwungen "in einem blauen Sommeranzug" erschien, "während Professoren und Gäste in hochfeierlichen Roben still vor sich hinschwitzten". Für die Verleihung des Ehrendoktors an den hierzulande so erfolgreichen Schriftsteller gab es "heftigen", ja "den größten Beifall".
      In der Laudatio führte Dekan Prof. Dr. Friedrich Seidel aus, dass die Fakultät diese Ehrung dem Dichter zuteil werden ließ, "dessen episches und dramatisches Werk in immer neuen Ansätzen der Versuchung begegnet, das Dasein des Menschen nach eigenen Wünschen zu stilisieren und, um des Trugbildes der Perfektion willen, zu leugnen, was in ihm endlich und gebrechlich ist. Sie ehrt den Dichter, der sich in dieser Verantwortung unbeirrbar der gegenwärtigen Situation stellt und die Dämonie des Totalitären als Gefahr enthüllt. Sie ehrt den Dichter, der sich der großen Tradition unserer klassisch-romantischen Dichtung verbunden weiß und dessen Schaffen dazu beiträgt, einen neuen, lebendigen und gegenwärtigen Zugang zu diesen Traditionen zu gewinnen." Frischs Dankesworte gingen, wie der Berichterstatter der Oberhessischen Presse monierte, "leider für die Mehrheit der Anwesenden" im allzu lauten Surren einer Fernsehkamera unter.

      Die Auszeichnung Max Frischs aus dem Geist der ,Vergangenheitsbewältigung'
      Unmittelbarer Anlass für die Marburger Ehrung Frischs war ganz offenbar, dass der Dramatiker kurz zuvor mit seinem zweiten äußerst erfolgreichen Bühnenwerk hervor getreten war. Wie Biedermann und die Brandstifter und einige seiner frühen Stücke hatte auch Andorra einen unmittelbaren Bezug zur deutschen (und europäischen) Zeitgeschichte. In seinem neuen Stück wandte sich der Dramatiker dem rassistischen Ursprungskern der NS-Verbrechen an der Menschheit zu. Die Sentenz "Du sollst Dir kein Bildnis machen" und ein erstes Gerüst der Andorra-Handlung findet sich - unter der Überschrift Der andorranische Jude - bereits in Frischs erstem, bereits 1950 erschienenen Tagebuch 1946-1949. Im Rückblick offenbarte der Dichter 1962, er habe "erst nach Jahren, nachdem ich die erwähnte Tagebuchskizze mehrere Male gelesen hatte", entdeckt, "daß das ein großer Stoff ist, so groß, daß er mir Angst machte, Lust und Angst zugleich - vor allem aber […] sah ich, daß das mein Stoff ist. Gerade darum zögerte ich lang, wissend, daß man nicht jedes Jahr seinen Stoff findet. Ich habe das Stück fünfmal geschrieben, bevor ich es aus der Hand gab."
      Andorra zeigt - wie Frisch-Biograf Volker Hage treffend formuliert - die "mörderische Konsequenz von rassistischer Gesinnung, Duckmäusertum und Dünkel" auf und führt dank einer genialen "theaterwirksamen Pointe" die Ideologie der Antisemiten ad absurdum: Denn der Protagonist, in dessen Verhalten viele seiner Mitmenschen vermeintlich ,typisch jüdische' Wesenszüge auszumachen glauben, ist keineswegs ein Jude. Vielmehr ist es seine Umwelt, die ihn ,zum Juden macht'.
      1962 war es gerade mal zwanzig Jahre her, seitdem der NS-Antisemitismus in seiner radikalsten Ausprägung sich in dem Projekt niedergeschlagen hatte, die Juden Europas restlos zu ermorden. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass nun die nationalsozialistischen antijüdischen Verbrechen dank des Jerusalemer Gerichtsverfahrens gegen Adolf Eichmann in den Mittelpunkt eines ganz aktuellen öffentlichen Interesses gerückt waren (am Ende des Prozesses wurde Eichmann am 15. Dezember 1961 zum Tode verurteilt). In der Bundesrepublik Deutschland blickte man folglich mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Erstaufführungen von Andorra. Das Stück war am Zürcher Schauspielhaus mit großem Erfolg uraufgeführt worden, worüber die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 6. November 1961 berichtete. Kurz darauf fanden, teils im Beisein Frischs, an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main Proben für eine von drei deutschen Erstaufführungen statt. Bereits am 20. Januar 1962 kam das Stück hier sowie in Düsseldorf und München (wo Frisch persönlich anwesend war) auf die Bühne. Bis zum Frühjahr sollten weitere Inszenierungen u.a. in Hannover, Kiel, Stuttgart und Trier folgen ; viel Lob gab es für die Inszenierung Fritz Kortners am Berliner Schillertheater. Wie Hellmuth Karasek schon in den 1960er Jahren resümierte, war Andorra allein in der Schweiz, Deutschland und Österreich "von über siebzig Bühnen gespielt worden und wurde damit zum wohl größten Nachkriegserfolg des deutschsprachigen Theaters". Bis Mitte der 1990er Jahre sollte das Stück etwa 230 Inszenierungen auf deutschsprachigen Bühnen erleben.
      In den westdeutschen Feuilletons wurde Andorra schon in den ersten Stellungnahmen als Angebot zur "Läuterung" verstanden. "Betroffenheit zeichnete die Reaktion des Publikums", fasste die FAZ nach der dreifachen deutschen Erstaufführung zusammen. "Uns Deutschen ist der Antisemitismus immer noch der nächstliegende Modellfall verblendeter Ideologie", erläuterte Albert Schulze Vellinghausen, "welche notwendig zum Brudermord führt." Daher könne "uns dieses ,Andorra' nicht gleichmütig lassen. Das Tun und Nichttun, das Reden und Schweigen, weht uns wie Grabeswind eigener, noch nicht vergessener Untat an." Anlässlich der Frankfurter Uraufführung durch Harry Buckwitz registrierte Günter Rühle den "Pessimismus des Moralisten [Frisch], der mit uns (uns!) Andorranern ins Gericht geht. […] Schneidend die eingeschobenen Szenen, in denen die Andorraner sich für das Geschehene entschuldigen. (Ausflüchte, die noch in unser aller Ohr sind.)" Auch Hellmuth Karasek gelangte zu dem Schluss, in Andorra hätten alle zum Tod des vermeintlichen Juden beigetragen, und nur in der Rückschau hätten es "alle […] nicht gewußt, nicht geahnt, nicht gewollt. Das [von Frisch entworfene] Modell trifft sich mit einer uns vertrauten Wirklichkeit."

      Ausblick
      Die um zaghafte individuelle Gewissenserforschung und kollektive Selbsterkenntnis bemühte Haltung war indes nicht allgemein. Wie Max Frischs Biografin festhält, begrüßten "viele Deutsche […] das Stück, wurde darin doch gezeigt, daß nicht nur sie zu Untaten befähigt seien. Daß mit Andorra eigene Schuld in den Blick zu nehmen gewesen wäre, unterschlug man im Verweis auf die potentielle Schuld anderer." Eine solche einseitig ,entlastende' Interpretation, verstärkt durch den Verweis auf einen unterschiedliche Arten von Gewaltherrschaft zusammenfassenden "Totalitarismus", spiegelt sich auch in der oben zitierten Stellungnahme wider, welche die Begründungen für Max Frischs Marburger Ehrenpromotion lieferte und Grundlage der Laudatio war.
      Aus heutiger Sicht ist der Begründung von Prof. Kunz eine seltsam verquaste und teils schwer nachzuvollziehende Diktion eigen, die Tatbestände eher vernebelt als erhellt. Andererseits könnte man die Entscheidung zur Auszeichnung Max Frischs gleichwohl als einen mutigen Schritt betrachten, mit dem sich eine konservative Disziplin brenzligen Gegenwartsfragen ein Stück weit öffnete. Schließlich stellte Frisch - trotz aller Kunzschen Abstraktionen bei der Deutung - heikle Fragen an die deutsche Zeitgeschichte, die just in einer breiteren Öffentlichkeit auf fruchtbaren Boden zu fallen begannen. Möglicherweise kann die Ehrung somit auch als Element eines Öffnungsprozesses verstanden werden, der der Germanistik in de 1960er und 1970er Jahren ein weit moderneres Antlitz verleihen sollte.
      Zum Schluss gilt es noch einen Nachtrag zur ,Marburger Episode' in Frischs Schriftsteller-Biografie anzubringen. Als im Sommersemester 1975 Prof. Dr. Dieter Bänsch ein Hauptseminar zu "Max Frisch" veranstaltete, erhielt Frisch den Brief eines Marburger Studenten, in dem dieser "eine Interpretation des Textes der Laudatio, wie Sie sie heute sehen" erbat. "Insbesondere halten wir", fügte er hinzu, "die in Abschnitt 3.) geäußerten Gedanken des Verfassers Kunz für sehr fragwürdig." Frisch beantwortete zwar den Brief des Marburger Studenten, vermied aber eine Stellungnahme zu Kunz' Ausführungen, denn an die Laudatio vermochte er sich, wie er schrieb, nicht mehr zu erinnern. Der kurze Aufenthalt Frischs Ende Juni 1962 sollte der einzige bleiben, und in seinem Werk hat sich die Begegnung mit Marburg offenbar nicht niedergeschlagen.

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      Abb. 1: Ehrenpromotions-Urkunde für Max Frisch. HStA MR, Best. 307d, Acc. 1974/17, Nr. 697. Abb. 2: Überreichung der Ehrenpromotions-Urkunde an Frisch (links) durch den Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Friedrich Seidel (rechts). Foto: Heinz Eifert. © Stadt Marburg (veröffentlicht mir freundlicher Genehmigung der Erben, Sabine Rektorschek und Heinz Eifert).